Fachkräftemangel in der Produktion: Interview mit Bruno
Was passiert, wenn der Kollege, der seit 30 Jahren jeden Prozess kennt, morgen nicht mehr da ist? Bruno ist bei CSP der Experte für dieses Thema. Er kommt aus der Schraubtechnik und hat zwei Jahre im Produktionsumfeld der Automobilindustrie gearbeitet, nicht selbst an der Linie, aber eng an den Menschen, die dort arbeiten.
Im Gespräch geht es darum, woran sich der Fachkräftemangel in der Montage zeigt, warum Erfahrungswissen so schnell verloren geht und wie eine digitale Werkerführung Quereinsteiger sicher durch kritische Arbeitsschritte leitet. Das Gespräch führte Andrea für den Podcast Systemblick.

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DAS WICHTIGSTE IN KÜRZE
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KURZ ZUSAMMENGEFASST Der Fachkräftemangel zeigt sich in der Produktion vor allem daran, dass Quereinsteiger ohne fachlichen Hintergrund kritische Arbeitsschritte übernehmen, während das Wissen langjähriger Kollegen meist nur in deren Köpfen existiert. Bruno beschreibt im Interview, wie eine digitale Werkerführung dieses Wissen sichert: Sie zeigt jeden Arbeitsschritt am Monitor, gibt Werkzeuge wie den Schrauber erst im richtigen Schritt frei und dokumentiert Prozessdaten wie Schraubkurven. Sauber aufgesetzt und gepflegt, senkt sie die Fehlerquote auch bei unerfahrenen Mitarbeitern deutlich. Ist sie zu locker eingestellt, verschärft sie das Problem eher. |
Bruno, woran merkt man den Fachkräftemangel in der Produktion?
Ich war zwar nicht selbst direkt an der Linie, aber sehr nah dran und hatte viel Kontakt zu den Leuten. Es waren nur zwei Jahre, aber in dieser Zeit habe ich sehr viele Menschen kommen und gehen sehen.
Das Bemerkenswerte dabei: Viele kamen aus ganz anderen Berufen. Der eine war gelernter Metzger, der andere Friseur. Und auf einmal sollen sie hochkritische Verschraubungen ausführen, bei denen ein Fehler gravierende Folgen für das ganze Fahrzeug haben kann. Einen fachlichen Hintergrund dafür haben sie eigentlich nicht.
Hattest du schon einmal das Gefühl: Wenn der jetzt ausfällt, steht die Linie?
So kritisch war es nicht. Es gab ab und zu Fälle, aber die hast du im Laufe einer Produktion immer. Eine Verschraubung ist ja nicht in dem Moment endgültig, in dem sie gemacht ist. Das Bauteil bleibt noch in der Kette, bis es schließlich im Fahrzeug verbaut ist.
Da konnten wir einiges retten, und das lag zu einem guten Teil daran, dass wir eine gute Nachverfolgbarkeit hatten.
In vielen Firmen wird das Wissen der langjährigen Mitarbeiter mündlich weitergegeben. Was ist die Herausforderung, wenn so jemand ausfällt?
Er muss gar nicht krank sein. Irgendwann ist man einfach in dem Alter und scheidet aus. Wer 30 oder 40 Jahre Erfahrung hat, macht vieles aus dem Stegreif. Du hast deine Frage noch nicht zu Ende gestellt und hast schon die Antwort. Wenn das wegbricht und jemand neu dazukommt, der sich noch gar nicht auskennt, weiß der nicht, wo er anfangen soll.
Deshalb ist es so wertvoll, dieses Wissen zu digitalisieren, zum Beispiel in Form einer Werkerführung. Dann muss niemand lange daneben stehen und jeden Handgriff erklären. Der ganze Ablauf liegt digital auf dem Monitor, Schritt für Schritt als Anleitung. Damit ist einem neuen Kollegen enorm geholfen. Und je detaillierter und genauer man das macht, desto einfacher wird es.
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WISSEN AN EINER STELLE Eine digitale Werkerführung bündelt das Wissen an einer Stelle. Der Ablauf ist für alle gleich, und es entsteht keine Lücke, wenn ein erfahrener Mitarbeiter ausfällt. Das entlastet auch die erfahrenen Kollegen, die sonst schnell die Arbeit für zwei oder drei übernehmen. |
Kann eine Werkerführung den Fachkräftemangel zumindest teilweise abfangen?
Definitiv, das ist eine massive Unterstützung. Je besser du sie gestaltest und pflegst und je genauer sie deine Prozesse widerspiegelt, umso einfacher machst du es den Leuten. Dann kannst du tatsächlich jemanden an die Station stellen, der wenig oder gar keine Erfahrung hat.
Er braucht eine kleine Einweisung, damit er mit dem Werkzeug und den Bauteilen vertraut wird. Danach kann er relativ schnell und mit so wenig Fehlern wie möglich sauber arbeiten, ähnlich wie jemand, der das schon 30 Jahre macht.
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Wenn das Wissen fehlt, schwankt die Qualität und es drohen Rückrufe. Was hängt da alles dran?
Wenn sich ein Fehler an den nächsten reiht, ohne dass es jemand bemerkt, sind wir beim Thema Prozessdatenmanagement und Qualitätsdaten: Wie zeichne ich das auf, habe ich es irgendwo abgelegt, und kann ich später nachschauen, was mit den Bauteilen passiert ist? Weil ich aus der Schraubtechnik komme, interessieren mich persönlich immer die Schraubkurven. Daran erkennst du meistens sehr gut, ob in deinem Schraubprozess ein Fehler steckt, und kannst ihn entsprechend nachverfolgen.
Je mehr Fehler du hast, desto mehr Rückrufe wirst du haben und desto mehr Kosten entstehen durch Nacharbeit. Manchmal musst du Bauteile sogar verschrotten, denn manche Bauteile dürfen nur einmal verschraubt werden. Ist dabei etwas schiefgegangen, muss das Teil getauscht werden. Da entstehen immense Kosten, die du dir hättest sparen können.
Wie verhindert eine Werkerführung konkret Fehler, und wie stark sinkt die Fehlerquote?
Das ist sehr individuell einstellbar. Du kannst den ganzen Prozess von Schritt 1 bis Schritt 10 oder 20 aufbereiten, je nachdem, wie viele es sind. Und du wirst erst zum nächsten Schritt weitergelassen, wenn du den vorherigen in Ordnung abgeschlossen hast. Das kann eine logische Funktion sein, etwa zwei Teile zusammenstecken, was zusätzlich per Kamera geprüft wird. Das Spiel kann man sehr weit treiben.
Dabei geht es nicht darum, den Menschen zu überwachen, der dort arbeitet. Die Kamera kontrolliert nur das Ergebnis des Arbeitsschritts. Das wird dokumentiert, der Schritt ist sauber abgearbeitet, und es geht in den nächsten über, zum Beispiel das Schrauben. Der Schrauber wird nur freigegeben, wenn du dich genau in diesem Arbeitsschritt befindest. So zieht sich das durch den ganzen Prozess.
Zur Fehlerquote: Ich schätze, die Reduktion liegt im hohen neunzigprozentigen Bereich. Wenn ich dich irgendwo hinstelle und du sollst etwas zusammenbauen, das du noch nie gesehen hast, liegt die Chance fast bei 100 Prozent, dass irgendwo ein Fehler drin ist. Mit einer sauberen Werkerführung, die dich anleitet und jeden Schritt zeigt, ist die Chance sehr gering. Am Anfang dauert es länger, weil du erst reinkommen musst. Mit Routine wird es dann leichter.
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PRAXISHINWEIS Die Kamera prüft das Ergebnis eines Arbeitsschritts, nicht den Menschen, der ihn ausführt. Der Schrauber wird erst freigegeben, wenn der vorherige Schritt in Ordnung abgeschlossen und dokumentiert ist. |
„Wenn die Werkerführung sauber aufgesetzt ist, ist es, als hättest du den Facharbeiter mit 40 Jahren Erfahrung immer neben dir, der dir sagt, wie du vorzugehen hast.“
Bruno
Welche Rolle spielt die Digitalisierung bei einer Werkerführung?
Ganz banal: Du siehst die Bauteile auch in der Werkerführung vor dir. Das Teil liegt zwar physisch vor dir, aber wenn du dazu die bildliche Anleitung bekommst, wie es aussehen soll, wo die Schrauben hingehören und welche Teile zusammengeklipst werden, hilft dir das, dich erst einmal zu orientieren.
Dazu kommen die Prozessdaten dahinter. Bei einer Verschraubung sind das bestimmte Parameter, also ein Sollwert mit Toleranz nach oben und unten. Das Schraubwerkzeug muss sauber parametriert sein, softwareseitig und mechanisch. Mit entsprechender Prüfsoftware kann man das Werkzeug einer MFU unterziehen und sehen, ob es das wirklich schafft. Dokumentiert wird dann nicht nur, was ich produziert habe, sondern auch, wie gut das Werkzeug für meinen Schraubfall geeignet ist.
Fehlerfrei ist trotzdem nichts. Mechanische Teile verschleißen irgendwann. Durch eine MFU kann ich das aber ein Stück weit voraussehen. Wenn der Schrauber im Laufe der Zeit schlechter wird, kann ich überlegen, ob er zur Wartung muss oder ob ich ihn austausche.
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TOLERANZ AM BEISPIEL Eine Schraube wird zum Beispiel mit 10 Newtonmeter angezogen, die Toleranz reicht von 8 bis 12 Newtonmeter. Innerhalb dieses Spielraums ist die Verschraubung in Ordnung, im Idealfall liegt sie genau am Sollwert. Eine Maschinenfähigkeitsuntersuchung (MFU) zeigt, ob das Werkzeug das zuverlässig erreicht. |
Hast du ein Beispiel aus der Praxis, bei dem eine bessere Werkerführung Fehler verhindert hätte?
Es gab Fälle, in denen die Werkerführung die Arbeitsschritte nicht gut genug wiedergegeben hat und vielleicht auch zu locker eingestellt war. Manche haben dann Schritte vorgearbeitet, weil sie dachten, sie machen es sich einfacher oder sind schneller. Das war meistens nicht der Fall, weil die Produktion durchgetaktet ist. Dahinter steht ein Plan, wie lange du in der Regel an einer Station verbringst, bis alles durchgelaufen ist. Dass in der Kette mal etwas schiefgeht, ist schon mit einkalkuliert.
Aber es gab Fälle, in denen die Anleitung genauer hätte sein müssen oder ein zusätzlicher Schritt hineingehört hätte. Dann sind Ausschusskosten entstanden, weil ein Teil beschädigt wurde. Mit einem saubereren Ablauf wäre das nicht passiert.
Im Prinzip gilt also: Eine schlecht eingestellte Werkerführung hilft gegen den Fachkräftemangel wenig. Ist sie sauber aufgesetzt, kannst du fast jeden an die Station stellen. Etwas Einarbeitung und Routine gehören natürlich dazu. Niemand wird dadurch auf einmal zum besten Mechaniker der Welt. Aber es ist eine enorme Hilfe.
Bruno, vielen Dank für deine Zeit und die Einblicke aus der Praxis.
Die ganze Folge mit Bruno hören Sie im Podcast Systemblick. Wie eine digitale Werkerführung in der Montage aussieht, zeigt unsere Lösung für Werkerführung mit CSP PG. Wie sich Schraubkurven und Qualitätsdaten lückenlos nachverfolgen lassen, lesen Sie auf der Seite zum Prozessdatenmanagement mit CSP IPM.
Häufig gestellte Fragen
Was ist eine digitale Werkerführung?
Eine digitale Werkerführung zeigt Mitarbeitern den Arbeitsablauf Schritt für Schritt am Monitor, mit Bildern der Bauteile und den nötigen Prozessparametern. Der nächste Schritt wird erst freigegeben, wenn der vorherige in Ordnung abgeschlossen ist. So bündelt sie das Erfahrungswissen langjähriger Fachkräfte an einer Stelle.
Wie hilft Werkerführung gegen den Fachkräftemangel in der Produktion?
Sie ermöglicht es, auch Quereinsteiger mit wenig Erfahrung nach einer kurzen Einweisung an einer Station einzusetzen. Die Anleitung ersetzt das mündliche Weitergeben von Wissen und entlastet erfahrene Kollegen. Voraussetzung ist, dass die Werkerführung sauber aufgesetzt und gepflegt ist.
Wie lässt sich das Wissen erfahrener Mitarbeiter sichern, bevor sie ausscheiden?
Indem die Arbeitsabläufe, die sie aus Erfahrung beherrschen, digital abgebildet werden, zum Beispiel in einer Werkerführung. So ist das Wissen für alle gleich verfügbar, und es entsteht keine Lücke, wenn jemand ausscheidet. Je detaillierter die Abläufe abgebildet sind, desto leichter fällt neuen Mitarbeitern der Einstieg.
Was ist eine MFU bei Schraubwerkzeugen?
Eine Maschinenfähigkeitsuntersuchung (MFU) prüft, ob ein Schraubwerkzeug die geforderten Anzugswerte innerhalb der Toleranz zuverlässig erreicht. Die Ergebnisse werden dokumentiert. Verschlechtert sich ein Schrauber im Laufe der Zeit, zeigt sich frühzeitig, ob eine Wartung oder ein Austausch nötig ist.
Warum sind Schraubkurven für die Qualitätssicherung wichtig?
An Schraubkurven lässt sich gut erkennen, ob im Schraubprozess ein Fehler steckt. Werden sie als Qualitätsdaten gespeichert, lassen sich Fehler an Bauteilen nachverfolgen. Das senkt das Risiko von Nacharbeit, Verschrottung und Rückrufen.

