Eine neue Variante läuft an, der erfahrene Einrichter ist krank, und an der Station hängt eine Anweisung, die zwei Änderungen alt ist. Niemand arbeitet nachlässig. Trotzdem findet die Endkontrolle Stunden später ein falsches Anzugsmoment, und zwar an allen Teilen, die seit Schichtbeginn gefertigt wurden.
Digitale Werkerassistenzsysteme sollen genau diese Lücke schließen. Sie geben am Arbeitsplatz den Schritt vor, der jetzt dran ist, prüfen, ob er erledigt wurde, und halten das Ergebnis fest. Ob das in Ihrer Fertigung trägt, entscheidet sich selten an der Oberfläche. Es hängt an ein paar Eigenschaften, die in Produktpräsentationen kaum vorkommen: ob das System ein Werkzeug sperren kann, ob es Daten je Bauteil erfasst und ob diese Daten im MES ankommen.
Das Wichtigste in Kürze
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Digitale Werkerassistenzsysteme sind Software am manuellen Arbeitsplatz. Sie führen Mitarbeitende Schritt für Schritt durch Montage, Prüfung oder Nacharbeit, sichern kritische Schritte ab und speichern jede Ausführung mit Zeitstempel, Werkerkennung und Bauteilbezug.
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Laut einer Umfrage des Fraunhofer IAO, zitiert in einer Studie der EAH Jena, hatten 36 Prozent der befragten deutschen Industrieunternehmen bereits Werkerassistenzsysteme im Einsatz. Weitere 15 Prozent planten den Einsatz.
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Gängige Bauformen sind Bildschirmführung, Pick by Light, Projektion, Kameraprüfung, Werkzeuganbindung mit Freigabe und AR Brillen. Für die Qualitätssicherung zählt vor allem, ob ein System Schritte verriegeln und Daten je Bauteil erfassen kann.
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IATF 16949 schreibt keine bestimmte Software vor. Die Norm verlangt aber aktuelle Arbeitsanweisungen, gelenkte Produktionsbedingungen und Rückverfolgbarkeit. Ein Werkerassistenzsystem erzeugt diese Nachweise während der Arbeit.
Kurz zusammengefasst
Führen
Der Werker sieht nur den Schritt, der gerade ansteht, mit Bild, Vorgabewert und Material.
Absichern
Werkzeug und Weitergabe werden erst freigegeben, wenn der vorige Schritt korrekt abgeschlossen ist.
Nachweisen
Jeder Schritt landet mit Seriennummer im Datensatz. Im Audit liegt der Nachweis vor, ohne dass jemand Ordner durchsucht.
Inhalt dieses Artikels
01Was digitale Werkerassistenzsysteme sind
03Welche Funktionen Qualitätsstandards absichern
04Vier typische Einsatzfelder der Montageassistenz
06Acht Kriterien für die Auswahl
07Einführung in fünf Schritten
01 · Grundlagen
Was sind digitale Werkerassistenzsysteme?
Ein digitales Werkerassistenzsystem ist Software, die einen Menschen an einem manuellen Arbeitsplatz durch einen festgelegten Ablauf führt. Es zeigt den aktuellen Schritt mit Bild, Vorgabewert und benötigtem Material, wartet auf eine Bestätigung oder ein Messergebnis und gibt erst danach den nächsten Schritt frei. Jede Ausführung speichert es mit Zeitstempel, Werkerkennung und Bezug zum Bauteil.
Das Institut für Produktionsmanagement, Technologie und Werkzeugmaschinen (PTW) der TU Darmstadt beschreibt digitale Werkerassistenzsysteme als computergestützte Betriebsmittel. Sie helfen bei kognitiven Fragen wie der Montagereihenfolge und bei Wahrnehmungsaufgaben, etwa beim Einhalten eines Drehmoments.
Im Sprachgebrauch der Werke laufen mehrere Begriffe nebeneinander. Werkerassistenz, Werkerführung und Montageassistenz meinen meist dasselbe. Ein Montageassistenzsystem ist ein Werkerassistenzsystem, das in der Montage eingesetzt wird. Wer die methodische Seite vertiefen möchte, findet sie im Beitrag zur Werkerführung.
Verbreitung in Zahlen
36 %
der befragten deutschen Industrieunternehmen hatten Werkerassistenzsysteme im Einsatz
Quelle: Fraunhofer IAO, zitiert in wt Werkstattstechnik 2021
15 %
planten den Einsatz für die Zukunft
Quelle: Fraunhofer IAO, zitiert in wt Werkstattstechnik 2021
67 %
der Assistenz in der Montage wird über Visualisierung umgesetzt
Quelle: Fraunhofer IAO, zitiert in wt Werkstattstechnik 2021
18 %
kürzere Montagezeit mit Assistenz bei Probanden ohne Vorkenntnisse (Versuch mit 40 Probanden)
Quelle: EAH Jena, wt Werkstattstechnik 2021
Die drei ersten Werte stammen aus einer Umfrage des Fraunhofer IAO. Forschende der EAH Jena um Tobias Pfeifroth zitieren sie in einem begutachteten Fachaufsatz der Zeitschrift wt Werkstattstechnik, in dem sie außerdem einen eigenen Montageversuch auswerten. Als Haupteinsatzgebiet nennen sie Kleinserien in Fertigung und Montage.
| Begriff | Was es ist | Unterschied zum Werkerassistenzsystem |
|---|---|---|
| Werkerassistenzsystem | Geführter Ablauf mit Visualisierung, Prüfung je Schritt und automatischer Dokumentation | Referenz: Führung, Absicherung und Nachweis in einem System |
| Digitale Arbeitsanweisung | Zentral gepflegtes Dokument, am Bildschirm abrufbar | Der Werker navigiert selbst, nichts wird erzwungen oder erfasst |
| Poka Yoke | Mechanische Maßnahme, die einen Fehler physisch unmöglich macht | Wirkt über die Konstruktion, nicht über Information |
| MES Arbeitsauftrag | Fertigungsauftrag mit Menge, Variante und Vorgabezeit | Legt fest, was gefertigt wird. Das Assistenzsystem führt, wie es gefertigt wird |
02 · Bauformen
Welche Arten von Werkerassistenzsystemen gibt es?
Die Fachliteratur unterscheidet zwei Gruppen. Energetische Assistenzsysteme entlasten den Körper, etwa als Hebehilfe. Informatorische Assistenzsysteme vermitteln Information. Laut dem Aufsatz der EAH Jena sind die informatorischen Systeme in der manuellen Montage deutlich häufiger. Um sie geht es in diesem Beitrag, denn digitale Werkerassistenz ist fast immer informatorische Assistenz.
Innerhalb der informatorischen Systeme gibt es sechs verbreitete Bauformen. Sie unterscheiden sich darin, wie die Information zum Werker kommt und ob das System die Ausführung selbst prüfen kann.
| Bauform | Wie sie führt | Stark bei | Grenze |
|---|---|---|---|
| Bildschirm oder Tablet | Schrittfolge mit Bild, Video, Vorgabewert und Quittierung | Variantenmontage, Prüfabläufe, Dokumentation | Der Blick wandert vom Bauteil zum Bildschirm |
| Pick by Light | Lichtsignal am richtigen Materialbehälter | Entnahme bei vielen ähnlichen Teilen | Führt den Griff, nicht die Montage selbst |
| Projektion | Laser oder Beamer markiert Position und Reihenfolge direkt auf Bauteil oder Arbeitsfläche | Große Bauteile, Bohrbilder, Positionierung | Umgebungslicht und Oberflächen beeinflussen die Sichtbarkeit |
| Kamera und Bildverarbeitung | Prüft Lage, Vollständigkeit und Variante im Takt | Sichtprüfung direkt an der Station | Braucht stabile Beleuchtung und gepflegte Referenzbilder |
| Werkzeuganbindung mit Freigabe | Schrauber erhält Programm und Freigabe vom System, das Ergebnis fließt zurück | Sicherheitskritische Verschraubungen | Wirkt nur für angebundene Werkzeuge |
| AR Brille | Einblendung im Sichtfeld des Werkers | Service, Revision, wechselnde Einsatzorte | Tragekomfort über eine ganze Schicht |
In der Praxis treten die Bauformen selten einzeln auf. Im Versuchsaufbau der EAH Jena arbeiteten ein Tablet für die Schrittfolge, ein Pick by Light System, eine Werkstückerkennung per RFID und eine Kamera zusammen. Alle Statusmeldungen liefen über eine gemeinsame Brokerarchitektur auf das Tablet, das daraus die passende Information für den aktuellen Schritt zusammenstellte.
Zu projektionsbasierten Systemen fassen dieselben Autoren in einem Aufsatz von 2022 frühere Studien zusammen: Ausführungszeiten wurden kürzer, Fehlerquote und mentale Belastung der Versuchspersonen sanken. Eine empirische Studie in der Zeitschrift ZWF aus dem Jahr 2025 kommt für kamerabasierte Kontexterkennung mit Bauteilprojektion zu einem ähnlichen Bild. Sie berichtet höhere Produktivität und positive Effekte auf Akzeptanz und Bedienbarkeit.
Für die Sichtprüfung im Takt bietet CSP das Modul Vision AI an, das per Kamera direkt an der Station prüft.
03 · Funktionen und Normen
Welche Funktionen braucht ein Werkerassistenzsystem für Qualitätsstandards?
Ein Bildschirm mit Arbeitsanweisung reicht für die Qualitätssicherung nicht. Ein Werkerassistenzsystem, das Qualitätsstandards trägt, deckt vier Funktionen ab.
01
Führung
Der Ablauf richtet sich nach Auftrag und Variante. Der Werker sieht nur den Schritt, der jetzt ansteht, mit Bild, Vorgabewert und Material. Das senkt die Zahl der Entscheidungen, die er nebenbei treffen muss.
02
Absicherung
Kritische Schritte werden geprüft, bevor es weitergeht. Ein Schrauber bekommt seine Freigabe erst nach dem korrekten Vorschritt, ein Teil wird nur als Gutteil weitergegeben. Ein Warnhinweis, den man wegklicken kann, ist keine Absicherung.
03
Dokumentation je Bauteil
Jeder Schritt wird mit Zeitstempel, Werkerkennung und Ergebnis der Seriennummer zugeordnet, nicht nur der Station oder dem Los. Erst damit lässt sich im Reklamationsfall eingrenzen, welche Teile betroffen sind.
04
Integration
Auftrag und Variante kommen aus dem MES, Ergebnisse und Abweichungen gehen zurück. Ohne diesen Rückweg entsteht eine Dateninsel, die jemand von Hand mit den übrigen Produktionsdaten abgleichen muss.
Werkerassistenzsysteme sind keine normative Pflicht. Pflicht sind die Ergebnisse, die sie liefern. Die folgende Zuordnung zeigt, welche Normabschnitte eine Systemfunktion bedient. Wie die Rückverfolgbarkeit in der Produktion insgesamt aufgebaut wird, beschreibt ein eigener Beitrag.
| Anforderung | Normbezug | Beitrag des Systems |
|---|---|---|
| Dokumentierte Information aktuell und zugänglich | IATF 16949 Abschnitt 7.5 | Zentrale Pflege, Änderung wirkt sofort an allen Stationen |
| Gelenkte Produktionsbedingungen | IATF 16949 Abschnitt 8.5.1 | Schrittführung mit Vorgabewerten je Variante |
| Standardisierte Arbeit, Anweisungen für Bediener, Sichtstandards | IATF 16949 Abschnitt 8.5.1.2 | Visuelle Anweisung am Arbeitsplatz, in der Sprache des Werkers |
| Kennzeichnung und Rückverfolgbarkeit | IATF 16949 Abschnitt 8.5.2 | Erfassung je Schritt mit Bauteil und Auftragsbezug |
| Freigabe von Produkten | IATF 16949 Abschnitt 8.6 | Prüfschritte im Ablauf, die Freigabe durch den Menschen wird dokumentiert |
| Risikobasiertes Denken | ISO 9001:2015 Abschnitt 6.1 | Fehleranfällige Schritte werden gezielt abgesichert |
| Überwachung, Messung, Analyse | ISO 9001:2015 Abschnitt 9.1 | Schrittdaten als Grundlage für Fehleranalyse und Verbesserung |
KI im Werkerassistenzsystem: was sie darf
Unterstützen
KI kann aus vorhandenen Word, PowerPoint oder PDF Dateien strukturierte Arbeitsanweisungen erzeugen oder Auffälligkeiten in Prozesskurven markieren.
Menschliche Aufsicht
Der EU AI Act schreibt in Artikel 14 für Hochrisiko KI Systeme eine wirksame menschliche Aufsicht vor. Ob ein System darunter fällt, hängt vom Einsatzzweck ab.
Freigabe
In Automotive, Medizintechnik und Bahntechnik bleibt die Freigabe beim qualifizierten Menschen. KI schlägt vor und markiert, die Entscheidung wird dokumentiert.
Nächster Schritt
Wie sicher ist Ihre Linie heute?
Der kostenlose Praxis Guide zeigt sieben Prinzipien sicherer Werkerführung und enthält einen Selbstcheck mit zehn Punkten für Ihre Linie.
04 · Einsatzfelder
Montageassistenz in der Praxis: vier typische Einsatzfelder
Wo lohnt sich ein Montageassistenzsystem zuerst? Für den Einstieg bieten sich vier Einsatzfelder besonders an, weil Fehler dort teuer sind oder häufig auftreten.
01
Variantenmontage
Ein Scan der Seriennummer oder ein Anstoß aus dem MES lädt den passenden Arbeitsplan. Der Werker muss die Variante nicht selbst heraussuchen. Wie diese Kopplung technisch funktioniert, zeigt der Beitrag zu Werkerassistenzsystemen mit MES Anbindung.
02
Sicherheitskritische Verschraubung
Das System gibt dem Schrauber Programm und Drehmoment vor, sperrt ihn bis zum richtigen Schritt und nimmt das Ergebnis zurück. Ein Beispiel aus der Praxis: Wie eine Werkerführung einen Rückruf im sechsstelligen Bereich verhinderte.
03
Einarbeitung neuer Mitarbeitender
Neue Kolleginnen und Kollegen arbeiten ab dem ersten Tag im echten Auftrag, das System übernimmt einen Teil der Begleitung. Mehr dazu im Beitrag Onboarding Software in der Fertigung.
04
Revision und Service
Auch Wartung und Instandsetzung lassen sich führen, etwa bei Drehgestellen von Schienenfahrzeugen. Wie das aussieht, beschreibt der Beitrag zur Werkerführung in der Drehgestell Revision.
Bei sicherheitskritischen Verschraubungen zählt vor allem der Nachweis. Johannes Zizler beschreibt den Effekt aus Sicht von Knorr-Bremse so:
„PG gibt uns heute die hundertprozentige Sicherheit, dass der definierte Prozess eingehalten wird. Im Falle einer Reklamation könnten wir beispielsweise im Detail nachweisen, wie exakt und fehlerfrei bei der Verschraubung gearbeitet wurde.“
Johannes Zizler, Knorr-Bremse AG
Bei der Einarbeitung liefert der Versuch der EAH Jena ein anschauliches Detail. In der Gruppe mit Papieranweisung hatte jeder vierte Proband Rückfragen, etwa zur Position des Bauteils, zur richtigen Schraube oder zum Umgang mit dem Schrauber. In der Gruppe mit Assistenzsystemen vermittelte das System diese Informationen. Außerdem konnte dort niemand die Reihenfolge ändern oder Schritte überspringen.
Stadler Rail setzt PG in der Drehgestellmontage ein. Ronny Böhler nennt als wichtigsten Punkt, dass sich die bildbasierten Anleitungen aus den eigenen Reihen einfach und schnell erstellen ließen. Ein weiteres Praxisbeispiel aus dem Motorenbau zeigt der Beitrag zur Werkerführung bei der Motorenfabrik Hatz.
05 · Nutzen und Kosten
Was bringen digitale Werkerassistenzsysteme? Nutzen und Kosten in Zahlen
Unabhängige Messwerte sind selten, weil jede Fertigung anders startet. Der Versuch der EAH Jena ist eine der wenigen veröffentlichten Messungen. 40 Probanden ohne Vorkenntnisse montierten dasselbe Werkstück, die eine Hälfte mit Papieranweisung, die andere mit Assistenzsystemen.
| Durchlauf | Papieranweisung | Mit Assistenzsystemen | Streuung Papier | Streuung Assistenz |
|---|---|---|---|---|
| 1. Montage | 176,4 s | 128,0 s | 48,5 s | 21,8 s |
| 3. Montage | 93,9 s | 77,7 s | 23,1 s | 13,6 s |
| 5. Montage | 76,4 s | 69,2 s | 13,9 s | 10,6 s |
Zwei Dinge fallen auf. Der Vorsprung ist in den ersten Durchläufen am größten, also genau in der Anlernphase. Und die Streuung ist mit Assistenz deutlich kleiner. Die Montagezeit hängt damit weniger davon ab, wer gerade am Platz steht. Über alle Durchläufe lagen die Zeiten mit Assistenz im Schnitt 18 Prozent niedriger.
Ergebnisse aus CSP Kundenprojekten mit PG
bis 75 %
weniger Nacharbeit
Quelle: CSP Kundenprojekte, Angabe auf der CSP Website
bis 80 %
kürzere Einarbeitungszeit
Quelle: CSP Kundenprojekte, Angabe auf der CSP Website
500.000 €
Einsparung in einem Kundenprojekt gemeinsam mit dem Partner STAHLWILLE
Quelle: CSP Case Study STAHLWILLE
Minuten
statt Stunden für Audit Nachweise
Quelle: CSP Case Study STAHLWILLE
Diese Werte stammen aus Projekten von CSP und sind Bestwerte, keine Durchschnitte. Wie viel davon in einer Fertigung ankommt, hängt vom Ausgangszustand ab: Wie hoch ist die Fehlerquote heute, wie viele Varianten laufen, wie oft wechselt das Personal?
Auf der Kostenseite nennt der Aufsatz der EAH Jena, gestützt auf die Fraunhofer Umfrage, drei Hemmnisse: hohe Kosten, fehlende technische Voraussetzungen und Unklarheit darüber, wie man solche Systeme sachgerecht einsetzt. Die Lizenz je Arbeitsplatz ist dabei meist der kleinere Posten. Mehr Geld fließt in die Anbindung an MES und Werkzeuge, in die Ersteinrichtung der Abläufe und in die Pflege neuer Varianten über die Jahre. Rechnen Sie deshalb die Gesamtkosten über fünf Jahre und nicht nur die Anschaffung.
Aus der Praxis
Häufiger Fehler: schlechte Anweisungen digitalisieren
Wer ein Assistenzsystem einführt, ohne die Arbeitsanweisungen vorher zu bereinigen, verteilt deren Fehler schneller als vorher. Prüfen Sie jede Anweisung fachlich, bevor sie ins System geht. Das kostet am Anfang Zeit und spart sie in jeder weiteren Schicht.
06 · Auswahl
Woran erkennen Sie ein gutes Werkerassistenzsystem? Acht Kriterien
Systeme werden oft nach der Oberfläche ausgewählt. Ob ein System taugt, zeigt sich aber meist ein halbes Jahr später, wenn die erste Variante geändert werden soll. Die folgenden acht Kriterien helfen bei der Bewertung. Die ersten vier sind Ausschlusskriterien: Verfehlt ein System eines davon, eignet es sich nicht für die Qualitätssicherung in der Serienfertigung.
Die vier Ausschlusskriterien
01 · Bidirektionale MES Anbindung
Auftrag und Variante kommen aus dem MES, Prüfergebnisse gehen zurück, über Standardschnittstellen wie OPC UA und REST.
02 · Erfassung je Bauteil
Jeder Schritt mit Zeitstempel, Werkerkennung und Ergebnis, zugeordnet zur Seriennummer und nicht nur zum Los.
03 · Konfigurierbar ohne Dienstleister
Neue Varianten legt der eigene Qualitäts oder Fertigungsbereich grafisch an, ohne Programmierung.
04 · Verriegelung statt Hinweis
Werkzeug, Materialbehälter und Weitergabe werden gesperrt, bis der richtige Schritt erledigt ist.
Die vier weiteren Kriterien gewichten Sie je nach Fertigung. Rückverfolgbarkeit bis zur Seriennummer verlangt IATF 16949 Abschnitt 8.5.2. Werkstattfähige Hardware muss Staub, Öl und Handschuhe aushalten, testen Sie sie deshalb am echten Arbeitsplatz. Skalierbarkeit heißt, dass mehrere Linien und Standorte aus einer gemeinsamen Ablaufbibliothek arbeiten. Auditfähigkeit zeigt sich daran, wie schnell der Nachweis für ein bestimmtes Bauteil vorliegt.
| Kriterium | Gut | Bedingt geeignet | Ungeeignet |
|---|---|---|---|
| MES Anbindung | Bidirektional über OPC UA und REST | Nur lesend oder proprietär | Keine, Dateninsel |
| Datenerfassung | Je Bauteil und Seriennummer | Je Los | Stichprobe ohne Bauteilbezug |
| Konfiguration | Grafisch durch eigenes Personal | Teilweise über Dienstleister | Programmierung je Variante |
| Fehlervermeidung | Verriegelung von Werkzeug und Material | Hinweise und einzelne Sperren | Nur Anzeige, überspringbar |
| Rückverfolgbarkeit | Bis zur Seriennummer | Bis zur Losebene | Nur manuell rekonstruierbar |
| Hardware | Werkstattfähig mit IP Schutzklasse | Büroterminal im Gehäuse | Tablet ohne Schutz |
| Skalierbarkeit | Linien und Standorte zentral | Eigene Instanz je Linie | Einzelplatzlösung |
| Auditfähigkeit | Nachweis auf Knopfdruck | Export mit Nacharbeit | Rekonstruktion aus mehreren Quellen |
Ein praktischer Test für jedes Angebot: Lassen Sie Ihr eigenes Personal im Livesystem eine neue Variante anlegen, nicht den Anbieter. Wie die Anbindung an die übrige Systemlandschaft aussehen sollte, beschreibt der Beitrag zur MES ERP Integration im Qualitätsmanagement. Einen Überblick über Software für die Qualitätssicherung in der Produktion gibt es ebenfalls.
07 · Fahrplan
Wie führen Sie ein Werkerassistenzsystem ein? Fünf Schritte
Wer alle Stationen auf einmal umstellt, verliert schnell den Überblick. Bewährt hat sich ein Start an einer Station und ein Ausbau in Schritten. Die Zeitangaben sind Erfahrungswerte aus CSP Kundenprojekten.
1
Pilotstation wählen
Nehmen Sie die Station mit der höchsten Fehlerquote, dem größten Einarbeitungsaufwand oder dem nächsten Audit. Nicht die komplexeste.
2
Anweisungen bereinigen
Prüfen Sie die bestehende Anweisung fachlich und korrigieren Sie sie, bevor sie ins System geht. Binden Sie die Werker der Station ein.
3
Pilot produktiv schalten
Digitalisieren, schulen, zwei Wochen parallel zum alten Verfahren laufen lassen. In CSP Projekten dauert das typischerweise vier bis sechs Wochen.
4
Skalieren
Weitere Stationen übernehmen, Bildstandards vereinheitlichen, Variantensteuerung aus dem MES aktivieren, Sprachen ergänzen.
5
Datenkette schließen
Ergebnisse an MES und Qualitätsmanagement zurückschreiben, einen Audittest durchspielen und Schritte mit vielen Abweichungen gezielt verbessern.
Was das System leistet
› Es gibt den richtigen Schritt zur richtigen Zeit vor.
› Es sperrt, was nicht freigegeben ist.
› Es erzeugt den Nachweis je Bauteil während der Arbeit.
Was es nicht ist
› Kein PDF auf einem Tablet.
› Kein Ersatz für die Grundqualifikation bei sicherheitsrelevanten Tätigkeiten.
› Kein reines IT Projekt: Ohne saubere Anweisungen bleibt das Ergebnis schwach.
08 · PG im Manufacturing OS
PG: das Werkerassistenzsystem im Manufacturing OS von CSP
CSP Intelligence GmbH entwickelt im niederbayerischen Großköllnbach Software für Qualitäts und Prozessdaten in der Fertigung. Die Produkte laufen im Manufacturing OS zusammen, einer Plattform, in der alle Module auf derselben Datenbasis arbeiten. Dazu gehören IPM für Prozessdatenmanagement in Echtzeit, QST für Werkzeug und Prozessprüfung, CHRONOS für die revisionssichere Datenarchivierung und PG für die Werkerführung in Montage und Prüfung.
PG ist das Werkerassistenzsystem dieser Plattform. Es führt Mitarbeitende durch Montage, Prüfung, Nacharbeit und Service. Der Takt am Arbeitsplatz folgt vier Schritten:
1
Auftrag und Variante erkennen
Ein Scan oder ein Anstoß aus dem MES lädt den passenden Arbeitsplan.
2
Schritt visuell vorgeben
Bild, Markierung und Vorgabewert erscheinen am Arbeitsplatz.
3
Werkzeug parametrieren und freigeben
Drehmoment, Programm und Sperre kommen aus dem Prozess.
4
Ergebnis prüfen und dokumentieren
Die Bewertung i.O. oder n.i.O. entscheidet über Freigabe oder Nacharbeit.
PG ist herstellerunabhängig. Laut CSP ist es unter anderem mit Werkzeugen von Atlas Copco, Desoutter, Cleco, Bosch Rexroth, Stahlwille, Gedore und Keyence kompatibel. Die Anbindung an Steuerungen und Messmittel übernimmt IPM über Protokolle wie OPC UA, S7, Modbus, REST, MQTT und Open Protocol. Die Funktion PG Q·AI überführt vorhandene Word, PowerPoint und PDF Dateien in strukturierte digitale Arbeitsanweisungen.
Zwei Module ergänzen die Werkerführung: SKILL sichert Prozesswissen und unterstützt die Qualifizierung von Teams, Vision AI übernimmt die Sichtprüfung per Kamera direkt an der Station. Wer mit PG beginnt, wächst später in dieselbe Plattform hinein, ohne eine zweite Integration aufzubauen.
Nächster Schritt
7 Prinzipien sicherer Werkerführung
Standardisierung, prozessabhängige Führung, automatische Dokumentation und Rückverfolgbarkeit auf Knopfdruck: Der Praxis Guide fasst zusammen, wie Sie Fehler in der manuellen Fertigung verhindern, statt sie zu suchen.
Häufige Fragen
Häufig gestellte Fragen zu digitalen Werkerassistenzsystemen
Was ist ein digitales Werkerassistenzsystem?+
Ein digitales Werkerassistenzsystem ist Software, die Mitarbeitende an einem manuellen Arbeitsplatz Schritt für Schritt durch Montage, Prüfung oder Nacharbeit führt. Es zeigt den aktuellen Schritt mit Bild und Vorgabewert, prüft die Ausführung und speichert jeden Schritt mit Zeitstempel, Werkerkennung und Bauteilbezug. Anders als eine digitale Arbeitsanweisung erzwingt es die Reihenfolge und sichert kritische Schritte ab.
Welche Arten von Werkerassistenzsystemen gibt es?+
Die Fachliteratur unterscheidet energetische Systeme, die körperlich entlasten, und informatorische Systeme, die Information vermitteln. Digitale Werkerassistenz ist informatorisch. Verbreitete Bauformen sind Bildschirm oder Tablet, Pick by Light, Projektion per Laser oder Beamer, Kamera mit Bildverarbeitung, Werkzeuganbindung mit Freigabe und AR Brillen. In der Praxis werden mehrere Bauformen an einem Arbeitsplatz kombiniert.
Was ist der Unterschied zwischen Werkerassistenz und Werkerführung?+
Im Sprachgebrauch der Industrie meinen Werkerassistenz und Werkerführung meist dasselbe: die geführte, abgesicherte und dokumentierte Ausführung eines Arbeitsablaufs am manuellen Arbeitsplatz. Werkerführung betont eher die Methode, Werkerassistenzsystem eher die Software. Ein Montageassistenzsystem ist ein Werkerassistenzsystem, das in der Montage eingesetzt wird.
Sind Werkerassistenzsysteme nach IATF 16949 vorgeschrieben?+
Nein, die Norm schreibt keine bestimmte Software vor. IATF 16949 verlangt aber aktuelle und zugängliche Arbeitsanweisungen (Abschnitt 7.5 und 8.5.1.2), gelenkte Produktionsbedingungen (8.5.1) und Rückverfolgbarkeit (8.5.2). Mit Papier lässt sich das bei vielen Varianten nur mit hohem Aufwand sicherstellen. Ein Werkerassistenzsystem erzeugt diese Nachweise während der Arbeit.
Was kostet ein Werkerassistenzsystem?+
Die Kosten hängen von der Zahl der Arbeitsplätze, der Hardware und der Integrationstiefe ab. Die Lizenz je Arbeitsplatz ist meist der kleinere Teil. Mehr Aufwand entsteht durch die Anbindung an MES und Werkzeuge, die Ersteinrichtung der Abläufe und die Pflege neuer Varianten. Für einen fairen Vergleich sollten Sie die Gesamtkosten über fünf Jahre rechnen.
Wie lange dauert die Einführung eines Werkerassistenzsystems?+
In CSP Kundenprojekten ist eine Pilotstation typischerweise nach vier bis sechs Wochen produktiv, einschließlich zwei Wochen Parallelbetrieb. Danach folgen der Ausbau auf weitere Stationen und die Anbindung an MES und Qualitätsmanagement. Wie schnell es geht, hängt vor allem vom Zustand der vorhandenen Arbeitsanweisungen ab.
Wie unterscheidet sich ein Werkerassistenzsystem von digitalen Arbeitsanweisungen?+
Eine digitale Arbeitsanweisung ist ein Dokument am Bildschirm, durch das der Werker selbst navigiert. Ein Werkerassistenzsystem führt aktiv durch die Schrittfolge, sperrt Werkzeug oder Weitergabe bis zum korrekten Schritt und dokumentiert die Ausführung je Bauteil. Diese beiden Eigenschaften machen den Unterschied für Rückverfolgbarkeit und Audit.
Lohnt sich ein Werkerassistenzsystem auch bei kleinen Serien?+
Ja, sofern das System konfigurierbar ist. Laut der Fraunhofer Umfrage, zitiert in wt Werkstattstechnik 2021, sind Kleinserien in Fertigung und Montage sogar das Haupteinsatzgebiet. Bei vielen Varianten muss der eigene Fachbereich neue Abläufe ohne Programmierung anlegen können, sonst wird jede Änderung teuer.
Fazit
Fazit
Digitale Werkerassistenzsysteme verlagern Prozesswissen aus den Köpfen einzelner Mitarbeitender in einen geführten Ablauf, der in jeder Schicht gleich funktioniert. Den Unterschied für die Qualitätssicherung machen Verriegelung, Erfassung je Bauteil und der Datenrückfluss ins MES, nicht die Anzeige allein.
Wer einsteigen will, beginnt an einer Station mit spürbarem Problem, bereinigt dort die Anweisungen und misst vorher und nachher. Die acht Kriterien aus diesem Beitrag helfen, Systeme zu vergleichen, bevor ein Angebot unterschrieben ist.
Quellen
Pfeifroth, T.; Dietsch, M.; Mahlandt, R.: Werkerassistenz in der manuellen Montage. wt Werkstattstechnik online 111 (2021) Nr. 3, EAH Jena (enthält die zitierte Umfrage des Fraunhofer IAO) · Link
Pfeifroth, T.; Dietsch, M.; Mahlandt, R.: Projektionsbasierte Assistenz in der Montage. wt Werkstattstechnik 112 (2022) Nr. 3 · Link
Werkerassistenz durch kamerabasierte Kontexterkennung und Bauteilprojektionen, ZWF Zeitschrift für wirtschaftlichen Fabrikbetrieb 120 (2025) Nr. 10 · Link
TU Darmstadt, Institut PTW: Handlungsempfehlungen für den Einsatz und die Gestaltung digitaler Werkerassistenzsysteme · Link
IATF 16949:2016, Abschnitte 7.5, 8.5.1, 8.5.1.2, 8.5.2 und 8.6; ISO 9001:2015, Abschnitte 6.1 und 9.1
Verordnung (EU) 2024/1689 (EU AI Act), Artikel 14 Menschliche Aufsicht · Link
CSP Intelligence GmbH: PG Werkerassistenzsystem, Kundenstimmen, Kennzahlen und Case Study STAHLWILLE · Link

